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Mitarbeit im Unterricht: Der ungewollte Ruf

Wen macht es glücklich, in der Klasse dranzukommen ohne aufgezeigt zu haben? Wieviele Schüler einer Klasse freuen sich darauf? Wohl eher wenige. Nun mag eingewendet werden, es gehe ja nicht darum, Schüler damit froh zu machen. Aber – worum geht es dann?

Möglicherweise um »Motivation«. Hausaufgaben zu machen. Aufzupassen. Mitzudenken. Die Mitarbeit im Unterricht.

Bei genauerem Hinsehen geht es hier um eine negative Motivation, d. h. die Angst vor negativen Konsequenzen bzw. Misserfolg soll wirken: Angst vor schlechten Noten. Angst, belächelt und bloßgestellt zu werden. Angst vor Zurechtweisung.

In meiner Praxis sehe ich jedoch auch problematische Auswirkungen auf Lernerfolg und Gefühle von Schülern. Daher scheint es mir wichtig, ein über Schülergenerationen hinweg recht übliches Vorgehen zu hinterfragen.

Angst ist ein Lernhindernis

Ich habe eine Vielzahl hochmotivierter Schülerinnen und Schüler kennengelernt, bei denen die Angst im Unterricht zu einem Leistungsabfall führte. Sind sie dann »drangekommen«, waren sie nicht selten blockiert und konnten auch gut Gelerntes nicht abrufen, geschweige denn kreativ sein. Lerntheoretisch ist das völlig nachvollziehbar und zu erwarten.

Ausweichen wird gefördert

Nicht selten auch nimmt zeitweise statt des Lerninhaltes die Beschäftigung damit, möglichst nicht ohne Aufzeigen aufgerufen zu werden, viel Raum ein. Auch viele Eltern kennen das aus eigener Schulzeit – was tun, um den ungewollten Ruf abzuwenden? Wegschauen oder doch eher besonders interessiert folgen? Schreiben und beschäftigt tun? Das Wissen, nur dann dranzukommen, wenn ich aufzeige, könnte Lernpotenzial freisetzen sowie offene Kommunikation anstelle von Tricks und Ausweichmanövern fördern.

Negative Motivation ist nicht nachhaltig

Sie nutzt Angst vor unangenehmen Folgen – solange diese drohen. Positive Motivation ist Lernen aus Interesse, aus Spaß an Herausforderung, Toleranz gegenüber unvermeidlichen Fehlern, Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Kompetenz, (Aussicht auf) Erfolgserlebnisse, Wertschätzung usw., verbunden mit angenehmen Gefühlen – und ist damit nachhaltig, aus sich heraus »genährt« und selbstwertstärkend.

Es trifft alle

Auch Schülerinnen und Schüler, die quasi nie aufgerufen werden, ohne sich zu melden, sitzen nicht selten gerade in einem schwächeren Fach voller Sorge im Unterricht, heute könnte es sie treffen. Und genau dann, wenn sie es nicht wissen. Ständig in Alarm bedeutet: Stress.

Spezialfall: denjenigen fragen, der es sicher nicht weiß

Zum Beispiel: Max ist intensiv in ein Gespräch mit Lisa vertieft. Der Lehrer beobachtet das aus dem Augenwinkel schon eine Weile. Jetzt sagt er: „Max, wiederhol mal, was ich gerade gesagt habe!“ Folgen? Max erschrickt sich und wird rot. Lisa tut es leid für Max, sie fühlt sich verantwortlich. Andere Schüler kichern und tuscheln, mancher vielleicht erleichtert, dass es ihn nicht ‚erwischt‘ hat. So weit – so gut? Und der Lehrer? Hat er sein Ziel erreicht? Welches hinter eine Sachfrage verdeckte Ziel war das eigentlich?

Gilt so ein Vorgehen überhaupt als erwünscht im sozialen Miteinander?

Spezialfall: denjenigen fragen, der es (vermeintlich) immer weiß

Und auch das kann stressen: leistungsstarke Schüler, die mit der Erwartung aufgerufen werden, dass sie es sicher wissen. Möglicherweise wertschätzend gemeint, kann das auch bei diesen Schülern Versagensängste wachhalten (wachrufen?), wenn sie mal nicht gleich verstanden haben (»ich muss es doch immer verstehen, jeder erwartet das von mir!«).

Gelungenes Miteinander?

Sind wir Erwachsenen mit derartigem Verhalten gute Vorbilder? Überspitzt gesagt: vermitteln Drohen und Bloßstellen hilfreiche, wünschenswerte soziale Werte? Egal, ob im Klassenzimmer, Zuhause, im Verein, am Arbeitsplatz.

Gewohnte Bahnen zu verlassen ist nicht leicht. Erfordert vielleicht Perspektivwechsel und das Erforschen von Lösungen, verursacht möglicherweise Unsicherheit und funktioniert nicht reibungslos. Beinhaltet jedoch auch eine realistische Gewinnchance: auf ein angstfreies und wertschätzendes Klima, authentisches und offenes Miteinander, Konfliktlösungen ohne Verlierer.

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