Die Art, wie wir Kindern begegnen, zeigt nicht nur etwas über das Kind – sondern auch etwas über uns selbst.
Denn die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern ist von Anfang an asymmetrisch. Erwachsene verfügen über Erfahrung, Sprache, Verantwortung und Entscheidungsmacht. Kinder sind auf sie angewiesen. Gerade deshalb stellt sich eine wichtige Frage:
Was bewirkt Macht bei dem Menschen, der sie besitzt?
Wir sprechen häufig darüber, wie Kinder sich entwickeln. Seltener betrachten wir, wie Erwachsene in der Begegnung mit Kindern innerlich reagieren. Denn jedes pädagogische Handeln entspringt einer Haltung.
Sehe ich im Kind ein Gegenüber? Oder sehe ich jemanden, den ich formen und steuern muss? Wie also sieht meine pädagogische Haltung aus.
Wir fördern, begleiten, korrigieren und gestalten. Dabei kann das Kind – mitunter geradezu unmerklich – zu einem Objekt unseres Handelns werden. dann gilt es sich zu erinnern: Ein Mensch ist kein Projekt. Auch Kinder nicht.
Sie überraschen uns. Sie widersprechen. Sie entwickeln eigene Vorstellungen und Wege. Sie erinnern uns daran, dass Leben sich nicht vollständig planen oder kontrollieren lässt. Vielleicht liegt genau darin die besondere Herausforderung: Kinder sind eigenständige Menschen, keine Verlängerung unserer Vorstellungen.
Die Psychologie beschreibt Grundbedürfnisse. Die Psychologen Deci & Ryan bspw. unterscheiden drei grundlegende Bedürfnisse, die Menschen ein Leben lang begleiten: Bindung, Autonomie und das Erleben des eigenen Wertes.
Diese Bedürfnisse haben nicht nur Kinder. Auch Erwachsene suchen Sicherheit, Anerkennung und das Gefühl, wirksam zu sein. Und manchmal geschieht es unbewusst, dass Erwachsene versuchen, eigene Bedürfnisse über Kinder zu regulieren.
Ein Kind, das angepasst ist, kann Sicherheit vermitteln.
Ein Kind, das Erwartungen erfüllt, kann den eigenen Selbstwert stärken.
Ein Kind, das sich widersetzt, kann Gefühle von Ohnmacht oder Kontrollverlust auslösen.
Vermutlich beginnt Macht schon dort kritisch zu werden: nicht erst, wenn jemand bewusst beherrschen möchte, sondern dort, wo die eigenen inneren Beweggründe nicht wahrgenommen werden.
Der Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm beschrieb Freiheit als etwas Ambivalentes: Sie eröffnet Möglichkeiten, kann aber auch Unsicherheit auslösen. Wo Unsicherheit schwer auszuhalten ist, entsteht leicht der Wunsch nach Kontrolle. Vielleicht zeigt sich das auch in der Beziehung zu Kindern. Denn Kinder verkörpern die Freiheit, ein eigener Mensch zu werden.
Und genau das kann herausfordernd sein. Denn wir wünschen uns selbst, als eigenständige Menschen gesehen zu werden. Gleichzeitig fällt es uns manchmal schwer, diese Eigenständigkeit bei einem Menschen auszuhalten, über den wir Verantwortung und Macht haben.
Martin Buber unterschied zwischen einer Beziehung, in der der andere zum Objekt wird, und einer Beziehung, in der das Gegenüber als Subjekt wahrgenommen wird. Ein Kind als Gegenüber zu sehen bedeutet, seine Eigenständigkeit anzuerkennen – auch dann, wenn sie unbequem ist.
Das bedeutet nicht, dass Kinder keine Grenzen brauchen. Grenzen geben Sicherheit. Sie sind Ausdruck von Verantwortung. Pädagogik entscheidet sich daher vermutlich an der Frage, wie Erwachsene mit ihrem Einfluss umgehen.
Diene ich gerade der Entwicklung des Kindes? Oder beruhige ich meine eigene Unsicherheit? Möchte ich Orientierung geben? Oder möchte ich Gehorsam?
Kinder stehen für eine Zeit in unserer Verantwortung – aber sie gehören uns nicht. Daher geht es darum, sie zu begleiten, zu schützen und zu unterstützen, während sie ihren eigenen Weg entwickeln.
Vielleicht liegt die eigentliche Aufgabe Erwachsener: Mitunter Macht zu haben, ohne das Gegenüber anderen klein zu machen. Verantwortung zu tragen, ohne Besitzansprüche daraus entstehen zu lassen.
Um so einem Menschen zu begegnen, der immer mehr er selbst werden darf.
