In meiner Praxis zeigt sich, dass bei Lernschwierigkeiten, Konzentrationsproblemen oder Verhaltensauffälligkeiten ein möglicher Zusammenhang zur Lesefähigkeit in Betracht gezogen und ggf. abgeklärt werden sollte.
Dabei ist wichtig zu wissen: Selbst ein noch durchschnittliches Ergebnis in einem standardisierten Lesetest bedeutet nicht automatisch, dass keine relevanten Schwierigkeiten vorliegen.
Warum eine geringe Lesefähigkeit übersehen werden kann
Manche Schülerinnen und Schüler erreichen durch erhebliche Kompensationsleistungen – etwa durch große Anstrengung, auszugsweises Lesen, Fragen – einen noch im (unteren) Durchschnitt liegenden Testwert. Erst eine differenzierte Betrachtung der Ergebniswerte in Verbindung mit der Beobachtung während des diagnostischen Schreibens sowie einem explorierenden Gespräch geben oftmals Hinweise auf die anzunehmende tatsächliche Belastung durch das Lesen im schulischen Alltag. Dort wird diese nicht immer erkannt, da Schüler*innen sich zum einen bemühen, “klar zu kommen”, andererseits mitunter auch Verhalten zeigen, dass dann bspw. eher als “unkonzentriert” eingeordnet wird.
Lesefähigkeit als Grundlage einer erfolgreichen Lernentwicklung
Deshalb ist es aus meiner Sicht besonders wichtig, die Lesefähigkeit stets aufmerksam im Blick zu behalten. Eine erschwerte Lesefähigkeit kann Auswirkungen auf die gesamte Lernentwicklung haben. Werden diese Zusammenhänge erkannt, können Schülerinnen und Schüler gezielt entlastet und gleichzeitig wirksam unterstützt werden.
Lesegenauigkeit, Lesegeschwindigkeit und Textverständnis bilden die Grundlage für die meisten schulischen Lernprozesse. Sie sind entscheidend für den Wissenserwerb, die aktive Teilnahme am Unterricht und die Entfaltung des individuellen Potenzials. Bleiben Beeinträchtigungen im Lesen bzw. deren Ausmaß unerkannt, können sie den Lernerfolg erheblich einschränken.
Zeigen sich Schwierigkeiten in der Lesefähigkeit, empfehle ich daher einen zweigleisigen Ansatz: Einerseits sollte die Teilhabe am Unterricht und an der Lernentwicklung möglichst unabhängig von der aktuellen Leseleistung ermöglicht werden. Andererseits sollte gezielt und außerhalb der eigentlichen Lernsituation an der Verbesserung der Lesefähigkeit gearbeitet werden.
Lesen gezielt fördern und gleichzeitig im Unterricht entlasten
Besonders wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Lernen und Lesetraining. Das Lesen einer Aufgabenstellung oder eines Sachtextes sollte nicht gleichzeitig als Leseübung verstanden werden. Muss ein Kind seine gesamte Aufmerksamkeit bereits für das Entziffern des Textes aufbringen, stehen diese Ressourcen nicht mehr für das eigentliche Lernen zur Verfügung. Die Folge ist häufig nicht eine Verbesserung der Lesefähigkeit, sondern eine Beeinträchtigung des Lernprozesses.
Eine gezielte Förderung der Lesefähigkeit und eine angemessene Entlastung im Unterricht schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Schülerinnen und Schüler ihr Potenzial bestmöglich sowie mit Freude und Interesse entfalten können.
Illustration: KI-generiert
