Viele kennen es aus ihrer eigenen Schulzeit, andere kennen es aus der Schule ihrer oder anderer Kinder und auch in der Praxis erzählen mir Schülerinnen davon: wenn es laut wird im Unterricht und daran Jungs beteiligt sind, wird mitunter ein „ruhiges“ Mädchen neben einen laute(re)n Jungen oder zwischen zwei Jungs gesetzt. Was sagt uns dies über Rollenbilder in der Schule?
Was soll erreicht werden? Das Mädchen soll dabei helfen, den Unterricht insgesamt zu beruhigen, die Klasse stiller zu machen und eine bessere Arbeitsatmosphäre zu schaffen.
Auf den ersten Blick nachvollziehbar
Doch schauen wir uns genau an, was hinter dieser Maßnahme, die auf den ersten Blick nachvollziehbar und verständlich erscheint, sonst noch steckt. Zuvor hat das Mädchen, sagen wir Lisa, möglicherweise neben einer Freundin gesessen. Die beiden verstehen sich gut, geben sich Unterstützung, lassen sich meistens in Ruhe dem Unterricht folgen und tragen im besten Fall zu gegenseitiger Lernfreude und zu jeweiligem Lernerfolg bei.
Oder auch: Lisa hat alleine gesessen, weil es für sie so genau richtig ist.
Dann erfolgen die Störungen. Gehen wir in unserem Beispiel davon aus, dass die Störung von einem Jungen ausgeht, sagen wir von Paul. Der Unterricht ist unterbrochen. Die Lehrkraft kann nicht wie gewünscht im Unterricht fortfahren, hat möglicherweise Paul schon einige Male ermahnt, ruhig zu sein, doch ohne Erfolg. Paul ruft vielleicht wiederholt dazwischen, spricht mit seinem Nachbarn, lässt Sachen vom Tisch fallen oder dreht sich zum Schüler hinter ihm um.
Paul hat ganz sicher individuelle Gründe dafür, sich genau so zu verhalten. Paul wäre es natürlich zu wünschen, diese Gründe zu verstehen und zu schauen, aus welchen Gründen sich Paul so verhält. Welche (unerfüllten) Bedürfnisse stehen möglicherweise dahinter, welche (Lern-) Schwierigkeiten, wie könnte passende Unterstützung aussehen und so weiter.
Die Lehrkraft wiederum erlebt, dass der eigene Unterricht gestört wird und sie nicht wie geplant vorangehen kann.
Ein Muster
Was bedeutet nun die Maßnahme des Umsetzens für Lisa und für die Rolle, die sie – als Mädchen! – übernimmt. Ganz individuell wird sie aus einer für Sie angenehmen, förderlichen Situation genommen und in eine für sie neue, möglicherweise sogar unangenehme, Situation gebracht. Und auf einer zusätzlichen, grundsätzlicheren Ebene finden wir hier ein Muster dafür, wie Mädchen schon in der Schule die Rolle zugewiesen und für alle sichtbar wird, für Ruhe und Anpassung zu sorgen, zu beruhigen, ausgleichend zu sein, eigene Interessen zurückzustellen, für andere da zu sein, selbst leise zu sein.
Geben wir Kindern die Freiheit, sich ohne Rollenklischees zu entfalten.
Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, sollten wir uns nochmal die Frage stellen, wie sinnvoll, gerecht und hilfreich diese Maßnahme tatsächlich ist – für beide und auch die freien Entfaltungsmöglichkeiten aller Geschlechter. Lehrkräfte und natürlich andere Erwachsene in vergleichbaren Situationen sollten sich ermuntert und aufgefordert fühlen zu überdenken, welche anderen Lösungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen Ihnen als Fachkraft oder auch in anderer Funktion zur Verfügung stehen oder entwickelt werden können, um Mädchen aus der Verantwortung zu entlassen und keine typischen und einengenden Rollenbilder in der Schule zu fördern – weder für Mädchen noch für Jungs.
Anfahrt (Link zu Google Maps)
Die Praxis liegt gut erreichbar im Gewerbepark Nord in Rheinbach. Praxisparkplatz.

