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Cold Call im Unterricht – Wirkung, Nutzen und Risiken einer kontroversen Methode

In meiner Praxis ist es immer wieder Thema: Cold Calling. Damit gemeint ist im schulischen Kontext das gezielte Aufrufen von Schüler*innen ohne vorheriges Melden, also „Drannehmen“ im Unterricht, auch wenn Lernende nicht aufzeigen.

Viele kennen sie eher als disziplinierende Maßnahme. Zahlreiche Rückmeldungen aus der Perspektive von Eltern und Schüler*innen zeigen entsprechend, dass Cold Calling überwiegend nicht mit Aktivierung oder Lernförderung assoziiert wird, sondern mit Unsicherheit, Stress oder Angst. Aus lernpsychologischer Perspektive ist dies hochrelevant, da Angst kognitive Verarbeitungsprozesse einschränkt, Arbeitsgedächtnisressourcen bindet und damit Lernleistungen unmittelbar beeinträchtigen kann.

Risiko: soziale Bewertung, Stress und Beschämung

Cold Calling sollte weder unvorbereitet noch als Disziplinierungsinstrument eingesetzt werden. Schüler*innen werden ansonsten in der Klasse sichtbar getestet, ohne kognitive oder emotionale Vorbereitung. Dies kann als potenziell beschämend erlebt werden, insbesondere wenn Unsicherheit öffentlich wird oder soziale Reaktionen der Gruppe (z. B. Lachen, Kommentarverhalten, stille Beobachtung) diese Situation verstärken.

Aus entwicklungs- und sozialpsychologischer Perspektive können solche Erfahrungen langfristige Effekte auf Selbstwert, Zugehörigkeitserleben und die Beziehung zur Lehrkraft haben. Dabei gilt die Lehrer-Schüler*in-Beziehung heute als einer der zentralen Prädiktoren für schulischen Lernerfolg und Motivation.

Nutzen: Aktivierung und systematische Beteiligung

Gleichzeitig ergibt sich aus didaktischer Perspektive ein nachvollziehbares Anliegen: die Aktivierung aller Schüler*innen im Unterricht. Insbesondere bei Lernenden, die sich dauerhaft nicht melden oder sich aus dem Unterrichtsgeschehen zurückziehen, stellt sich die Frage nach Formen der Beteiligung.

Cold Calling kann unter bestimmten Bedingungen ein Instrument sein, um bei passiver Teilnahme zu aktivieren und Aufmerksamkeit auf Unterrichtsinhalte zu lenken. Entscheidend ist jedoch die Frage, unter welchen Rahmenbedingungen diese Aktivierung erfolgt.


4. Reflexion, Dialog und didaktische Rahmung

Die Wirkung von Cold Calling ist nicht als Eigenschaft der Methode selbst zu verstehen, sondern als Ergebnis ihrer didaktischen, sozialen und psychologischen Einbettung.

Neben existenziellen Bedürfnissen nach Sicherheit und Gesundheit lassen sich weitere psychologische Grundbedürfnisse unterscheiden, die zentral sind für Motivation und Lernprozesse. Dazu gehören Autonomie, Kompetenzerleben / Selbstwert, sozialer Eingebundenheit / Bindung und Freude. Cold Calling kann diese Bedürfnisse entweder unterstützen oder negativ beeinflussen. Wird es strafend, unvorhersehbar, kontrollierend oder bloßstellend eingesetzt, gefährdet es die (Lern-) Entwicklung.

Stress wird in vielen aktuellen Modellen als Ergebnis u. a. einer subjektiven Bewertung von Situation und Bewältigungsressourcen verstanden. Cold Calling ohne Vorbereitung wird häufig als soziale Leistungssituation mit starkem Bewertungsaspekt und oft unklaren Bewältigungsmöglichkeiten erlebt. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Bedrohungswahrnehmung und reduziert verfügbare kognitive Ressourcen für inhaltliches Denken.

Vorhersehbarkeit, Strukturierung und kognitive Entlastung

Vor diesem Hintergrund ist Vorhersehbarkeit ein zentraler Wirkfaktor. Wird Cold Calling transparent angekündigt, sollte dies nicht nur informativ erfolgen, sondern als Teil eines offenen Klassengesprächs über Unterrichtsgestaltung. Unabhängig vom konkreten Einsatz ist es sinnvoll, mit der Lerngruppe zu besprechen, dass solche Methoden grundsätzlich genutzt werden können und welche Ziele damit verbunden sind. Ebenso wichtig ist es, die Perspektive der Schüler*innen aktiv einzubeziehen: Wie stellen sie sich den Einsatz vor, was erleben sie als hilfreich oder belastend? Diese Rückmeldungen sollten ernst genommen und in die Gestaltung des Unterrichts einbezogen werden. Transparenz bedeutet dabei nicht nur Erklärung, sondern echte Beteiligung an der Gestaltung von Lernbedingungen.

In der konkreten Anwendung hat sich didaktisch eine sequenzielle Struktur bewährt:

  1. individuelle Auseinandersetzung mit einer Fragestellung,
  2. kognitive Aktivierung durch Austausch mit Partner*innen oder in Gruppen,
  3. anschließendes Aufrufen unabhängig von freiwilliger Meldung.

Diese Struktur reduziert Überraschungseffekte, erhöht kognitive Vorbereitung und unterstützt damit sowohl Kompetenz- als auch Kontrollwahrnehmung. Gleichzeitig wird die Methode so von einer potenziellen Stresssituation zu einer aktivierenden Abruf- und Beteiligungssituation.

Partizipation, Kontrollüberzeugung und Schüler*innenbeteiligung

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Einbindung der Schüler:innen in die Reflexion der Methode. Aus Sicht vieler Stressmodelle ist das Erleben von Kontrollierbarkeit ein wesentlicher protektiver Faktor gegenüber Be- bzw. Überlastung. Wenn Schüler*innen erleben, dass ihre Perspektiven ernst genommen werden und sie Einfluss auf Unterrichtsgestaltung haben, steigt die wahrgenommene Bewältigbarkeit von Situationen.

Dadurch wird insbesondere das Autonomieerleben und die erlebte Wertschätzung gestärkt. Diese Partizipation bedeutet keine Entscheidungsdelegation, sondern eine dialogische Einbindung in Reflexionsprozesse. Sie ist zugleich Ausdruck einer respektvollen Haltung gegenüber Lernenden als kompetente Akteure im Unterrichtsprozess.

Differenzierung und alternative Beteiligungsformen

Nicht alle Schüler*innen verfügen über die gleiche Sicherheit beim Sprechen in der Klasse. Öffentliches Sprechen unter Beobachtung kann insbesondere bei noch unsicheren Lernenden Bewertungsangst auslösen und damit Beteiligung eher verhindern als fördern.

Daher sind differenzierte Beteiligungsformen notwendig. Eine Möglichkeit besteht darin, Beiträge zunächst in einem geschützten Rahmen zu formulieren, etwa im direkten Austausch mit der Lehrkraft. Diese kann in Absprache bspw. anschließend die Funktion einer wertschätzenden sprachlichen Vermittlung in der Klasse übernehmen. Ergänzend können individuelle Absprachen getroffen werden, um langfristig tragfähige und sichere Beteiligungsformen zu entwickeln.

Wichtig: Aus pädagogischer Sicht bedeutet Chancengerechtigkeit nicht zwangsläufig, alle Schüler*innen identisch zu behandeln. Vielmehr geht es darum, individuelle Voraussetzungen, Belastungen und Entwicklungsstände zu berücksichtigen. Deshalb sollte im Einzelfall sorgfältig eingeschätzt werden, ob ein Cold Call – selbst unter den beschriebenen Rahmenbedingungen – für einzelne Schüler*innen aktuell angemessen ist. Es kann Kinder und Jugendliche geben, bei denen das Aufgerufenwerden ohne Melden aufgrund ausgeprägter Ängste, besonderer Belastungen oder individueller Voraussetzungen dennoch nicht hilfreich, sondern angstauslösend wirken kann. In solchen Fällen ist ein Verzicht auf Cold Calling keine Ungleichbehandlung, sondern Ausdruck pädagogischer Differenzierung. Gleichbehandlung ist nicht automatisch gerecht; vielmehr besteht pädagogische Gerechtigkeit darin, jedem Kind die Unterstützung und die Beteiligungsform zu ermöglichen, die seinen individuellen Voraussetzungen entspricht. Ziel bleibt dabei unverändert, allen Schüler*innen Teilhabe am Unterricht zu ermöglichen – gegebenenfalls jedoch auf unterschiedlichen Wegen.

Gesprächskultur und epistemische Offenheit

Ein weiterer zentraler Baustein ist die Gestaltung einer Unterrichtskultur, in der nicht primär Bewertung, sondern Mit-Denken und Beteiligung im Vordergrund steht. Fragen sollten bewusst offen formuliert werden, um Perspektivvielfalt zu ermöglichen: Was fällt dir dazu ein? Welche anderen Sichtweisen gibt es? Wie könnte man das noch anders denken?

Diese Form der Gesprächsführung reduziert Bewertungsdruck und fördert exploratives, kreatives und elaboratives Denken. Die Reaktionen der Lehrkraft spielen dabei eine zentrale Rolle. Wertschätzende, weiterführende und nicht sofort normierende (richtig – falsch) Rückmeldungen unterstützen ein niedriges Bedrohungsniveau und fördern epistemische Neugier. Aussagen wie „Interessanter Gedanke“, „Das ist eine spannende Perspektive“ oder „Magst du das näher erläutern?“ tragen wesentlich zur Etablierung einer solchen Kultur bei.


Fazit

Cold Calling ist keine neutral zu bewertende Unterrichtstechnik, sondern ein hochkontextabhängiges Interaktionsformat, dessen Wirkung wesentlich durch seine Einbettung bestimmt wird.

Unter Bedingungen fehlender Transparenz, geringer Kontrollierbarkeit und sozialer Exposition kann die Methode stress- bis angstauslösend wirken und zentrale psychologische Grundbedürfnisse beeinträchtigen. Damit steigt dann die Wahrscheinlichkeit einer Bedrohungsbewertung, die kognitive Leistungsfähigkeit reduziert und Lernprozesse behindert.

In einer transparent strukturierten, dialogisch reflektierten und wertschätzenden Lernumgebung kann Cold Calling der Aktivierung und Beteiligung dienen. Entscheidend ist dabei nicht die Methode selbst, sondern ihre didaktische Rahmung: Vorhersehbarkeit, Partizipation, Differenzierung und eine kulturprägende Haltung der Wertschätzung bilden die zentralen Voraussetzungen.

Damit verschiebt sich der Fokus von der Frage, ob Cold Calling „gut oder schlecht“ ist, hin zur Frage, unter welchen Bedingungen es lernförderlich, psychologisch sicher und pädagogisch für alle sinnvoll eingesetzt werden kann.

Lässt sich nicht sicherstellen, dass Cold Calling in einer Lerngruppe wertschätzend, angstfrei und lernförderlich eingesetzt werden kann, sollte auf die Methode verzichtet werden. Die Aktivierung aller Schüler:innen bleibt ein wichtiges Ziel – sie kann jedoch auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden.

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